Donnerstag, 21. Februar 2013

Gesundheitsspleen vs. glücklich sein

 Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass mein Ernährunsgverhalten ein bisschen krankhaft ist. Vegan leben ist das eine. Aber jedes Produkt umdrehen, um akribisch die Nährwerte und Inhaltsstoffe zu lesen (nicht nur beim Essen, auch bei Shampoo, Bodylotion, Putzmittel, etc), ist das normal? Vor jedem Toast(weiß)brot zurückschrecken, konventionellen Süßstoff quasi als Giftmüll anzusehen, normale süße Cornflakes nicht mehr anrühren, alles nur frisch und selbst kochen, trotz akutem Zeitmangel - ist das nicht merkwürdig zwanghaft? Kann man so glücklich werden?

Ich denke, man kann. Ich kann und ich bin (glücklich). Durch dieses Verhalten hat sich vieles positiv verändert - ich habe innerhalb der 3 Jahre, die ich brauchte, um von Omni auf Veggi auf Veganerin umzusteigen mehr als 10 kg abgenommen, ohne irgendwie (mehr) Sport zu treiben oder eine richtige Diät zu machen. Meine Haut, früher voller Unreinheiten, ist wesentlich schöner geworden, ich habe nur noch selten, meist hormonell bedingt, Pickel. Meine Haare und Nägel wachsen schneller, mein leichtes Asthma ist auch weg. Mein Reizmagen macht nur noch bei argem Stress Probleme, nicht wegen des Speiseplans an sich.

Ich liebe inzwischen jede einzelne Mahlzeit, die auf den Teller kommt, bin voller Dankbarkeit und Genuss beim Essen. Essen ist keine Notwendigkeit mehr, kein hektisches "Irgendwas-warm-machen-und-Runterschlingen", sondern eine Portion glücklich sein. Ich fühle mich rundum genährt, nicht nur satt, befriedigt statt voll.
Wahrscheinlich ist nur meine Umwelt genervt und unglücklich, weil ich oft nicht mit meiner Meinung hinter dem Berg halte oder (höflich) alles ablehne, was mir angeboten wird und ich für zu suspekt halte.

Und so gesund ist meine Ernährung natürlich auch nicht immer, ich brauche ab und an auch meinen Zucker - aber eine Fairtrade-Reismilch-Schoki macht mich glücklicher und mir ein weniger schlechtes Gewissen als irgendeine gewöhnliche Kaufhausschokolade. Genauso wie ein mit Stevia gesüßter Grüntee mir wesentlich lieber ist als eine Aspartam-Lightcola. In der Saison liebe ich auch mal ein Glas Federweißer oder im Winter manchmal selbstgemachten Glühwein. Aber bitte keine süßen Alkopops oder Cocktails voller Aromastoffe und hartem Alkohol.

Mein Körper ist mein Tempel und ich beabsichtige, ihn nicht mit Gammelfleisch, schädlicher Chemie, fettstrotzenden Vollmachern, betäubenden oder süchtig machenden Substanzen, kiloweise Zucker und leeren, nichts nutzenden Kalorien zu vermüllen.

Kommentare:

  1. Das liest sich schön und ausgeglichen, nicht zwanghaft :-)
    Und mir sind tatsächlich schon einige begegnet, die recht zwanghaft (und dann oft auch mit missionarischem Eifer) an dieses Thema herangehen. Diese Menschen kommen mir manchmal ein bißchen vor wie Exraucher, die aber "im System" noch den Raucher stecken haben und dann militanter mit dem Thema umgehen als jeder Nichtraucher.

    Bei Dir habe ich (und ich bin Omni ;-)) das Gefühl gar nicht. Es macht eher Lust, sich auch mit dem Thema zu befassen.

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    1. Ha, danke, das beruhigt mich aber!
      Ich glaube, wenn man mal nach etwas süchtig war, ist es aber auch noch schwieriger, ganz normal mit dem Thema umzugehen. Daher bin ich auch froh, nie geraucht, getrunken oder sonstige Drogen konsumiert zu haben, sodass ich damit auch recht locker umgehen kann, auch wenn ich zugegebenermaßen ungern lange in Raucherwohnungen bin.

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  2. Ich finde Dich auch nicht zwanghaft, nur (berufsbedingt? ^^) sehr sorgfältig im Umgang mit dem Thema. Aber das ist doch gut.

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    1. Sorgfältiger Umgang klingt gleich viel freundlicher, danke dir! :)

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  3. Na Spleen hin oder her, wieso soll ich denn ne Macke haben, nur weil ich informiert sein will bzw. muss?

    Als mein Junge vor Jahren manches nicht mehr essen durfte, habe ich auch stundenlang Inhaltsangaben lesen müssen und mache es auch heute noch, sollte ich etwas neues entdecken.

    Aber da wir inzwischen alle lieber wenig bearbeitete Lebensmittel mögen, Fertigsachen komplett verbannt sind, hält sich auch die leserei in Grenzen. Aber es bekommt auch allen besser, und dafür mache ich mich gerne über etwaige Bestandteile schlau.

    LG
    Silberweide

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    1. Ich bin auch ganz froh, dass ich Obst und Gemüse nicht umdrehen muss, um deren Inhaltsstoffe zu lesen - das macht einiges einfacher. :)

      Meinen Freund habe ich auch den Fertigsaucentüten weggebracht. Als er sich aus Nostalgie dann doch mal wieder eine geholt hat, konnte er es nicht mehr essen, weil er es so furchtbar überwürzt und künstlich fand. Ich denke, wenn man sich erstmal den "Industriegeschmack" abgewöhnt hat, merkt man erst, wie gut selbstgemachtes Essen wirklich ist.

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  4. Ich glaube, dass jeder mit einer "extremen" Lebensweise und der Fähigkeit, sich zu reflektieren immer wieder mit der Wahrnehmung der Außenwelt konfrontiert wird bzw. den Unterschied wahrnimmt. Gerade, weil du hinterfragst, ist die GEfahr, über Gebühr missionarisch zu werden, wohl nicht sonderlich groß! ;) Aber ich kenne diese Gedanken nur zu gut... Gleichzeitig stelle ich aber wie du fest, wieviel verbundener, achtsamer und harmonischer ich mich fühle und erinnere mich an Zeiten, wo ich noch völlig anders gelebt habe und wie es mir da ging...
    Ich finde es gut, immer wieder inne zu halten und sich zu reflektieren, um nicht hochmütig oder total betriebsblind zu werden. Nur so entwickeln wir uns weiter. Hinterfragen ja, aber vielleicht Stück für Stück mit immer weniger Bewertung in Kategorien wie "krankhaft", "zwanghaft"... :)

    Lieben Gruß,
    Frau Momo

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    1. Da hast du Recht, Reflexion ist immer wichtig, aber natürlich sollte man auch dabei fair und achtsam sich selbst gegenüber sein. :) Danke für deine Anstöße!

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  5. Zwar gibt es das (umstrittene) Krankheitsbild der Orthorexie - zwanghafte gesunde Ernährung - aber solange es keinen Leidensdruck gibt und du am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kannst, dürfte das nicht zutreffen.

    (Ich kannte mal eine Dame, die alle ihre Lebensmittel nach einer Woche wegwarf, weil sie davon ausging, dass die jetzt doch bestimmt giftig seien. In dem Fall dürfte das mit dem "krankhaft" zugetroffen haben.)

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    1. Oh, das ist wirklich ein krasses Beispiel. Ich denke auch, solange ich nicht weinend zusammen breche, wenn ich doch mal ein Stück Toast gegessen habe, ist alles noch im grünen Bereich.

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  6. Liebe Liath,

    wo du schon bist, da will ich noch hin.
    Schon lange ist mir vieles ein Dorn im Auge. Putzen mit harten Chemikalien, heftige Inhaltsstoffe bei Shampoo, Duschgel, Make up, immer wieder Fleischskandale, Zucker befindet sich in nahezu jedem verarbeiteten Produkt, ich kann kaum etwas einkaufen, was nicht in Plastik verpackt ist....usw. Irgendwie denke ich öfters....ich will endlich aussteigen! Nur das ist gar nicht so einfach.

    Ich leide an chronischer Erschöpfung und Magenprobleme. Viele Mediziner schieben es aufs Studium, aber ich habe es schon ewig. Das Studium erst seit fünf Jahren.

    Ich denke es muss sich grundlegend etwas ändern. Aber ich glaub die Zeit ist gut. Immer mehr Menschen zeigen der Lebensmittellobby und anderen Lobbyisten den Mittelfinger und fangen wieder an, selber zu überlegen, was ihnen gut tut.

    Ich werde es ihnen gleich tun.

    Und Liaht, das was du machst ist bemerkenswert. Also hör bloß nicht auf damit.

    lg Muse

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    1. Chronische Erschöpfung und Magenprobleme pagen/plagten mich auch und natürlich sagten mir auch alle, es läge am Studium. Das Ganze hat aber angefangen, als ich vom Bauernhof weggezogen bin - wo ich früher immer nur frisches, selbstgeerntetes Obst und Gemüse (und damals auch Fleisch vom Hof) aß. Dann fing ich an, überwiegend Supermarktnahrung zu konsumieren und Zack!, gesundheitlich ging es erstmal schön bergab.

      Von daher denke ich, ein Ausstieg aus diesem System ist wirklich das Beste, was man machen kann, wenn auch nicht einfach.
      Aber gemeinsam - du, ich, all die anderen - sind wir stark, finden Mittel und Wege. :)

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    2. Jap, ich hab mir gestern die ersten Samen für Kopfsalate gekauft. Werden nun auf der Fensterbank vorgezüchtet und dann in großen Kübeln auf meine kleine Terasse verfrachtet. (Hab leider noch keinen großen Garten). Für das Vorzüchten hab ich leere Klopapierrollen aufgehoben und mache daraus Anziehtöpfe. Dann hol ich mir noch Kräuter (auch für die Hexenküche ;) ) und werde mich noch an Radieschen und Gurken oder so trauen :D
      Selbst ist die Frau :D

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  7. Ich hatte heute ein sehr interessantes, aber auch etwas verstördendes Erlebnis: gemütlicher Tag mit einer Freundin in Konstanz - normalerweise ein Tag für einen Grosseinkauf, denn in Deutschland ist alles massiv günstiger als in der Schweiz (Gruss von der Hochpreisinsel...). Doch als ich dann in den Läden stand, kam ich mir so richtig alienmässig vor. Rund um mich herum einkaufswütige Schweizer, die ihre Einkaufswagen vollpackten, als gäbe es nie wieder eine Gelegenheit zum Einkaufen.
    Ein kurzer Einschub: aufgrund verschiedener Posts zum Thema Konsum und Aufbrauchen, habe ich mein eigenes Verhalten hinterfragt und gemerkt, dass ich hier viel zu viele Dinge angeschlappt habe und horte. Bisweilen beschleicht mich das Gefühl, hier ersticken zu müssen zwischen all den Dingen - und die Wohnung ist weit davon entferng messiemässig zu sein ^^. Daher lautete meine bisher unausgesprochene Losung für 2013: aufbrauchen! Dazu beschäftige ich mich immer intensiver mit der Herkunft von allen möglichen Dingen, Inhaltsstoffe interessieren mich brennend, ich informiere mich, recherchiere, philosophiere, analysiere... ihr kennt das bestimmt.
    Doch zurück nach Konstanz ;) ich stand also da und wollte einfach nichts von alledem haben. Da ist dieser Inhaltsstoff, da jener drin. Die möchte ich nicht verwenden, von dem und diesem habe ich ein für mich passenderes Produkt, von jenem noch Backups Zuhause.
    Richtig schlimm wurde es im Aldi, mir wurde echt fast übel und was ich früher in Massen gekauft habe, ekelt mich einfach nur noch an. Spinne ich?
    Und die grösste Frage: wo und wie kann ich mich informieren?

    Wirres Posting, aber ein perfektes Abbild der aktuellen Gemütslage. Da kam mir Dein Post im Zug auf der Bloglovinapp gerade recht, ich konnte etwas sortieren und ich weiss: ich bin nicht die einzige, die darüber nachdenkt, auch wenn es bisweilen so scheint.

    Danke!

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    1. Ich glaube, das ist so ein Segen des Internets, wenn man es sinnvoll benutzt: Man bekommt viel mehr Informationen, tauscht sich aus, bekommt neue Impulse und plötzlich hinterfragt man auch im realen Leben mehr. Und hat man einmal diesen Impuls aufgenommen, ändern sich die Muster von ganz allein und man steht in der Kaufhalle und fragt: Tut mir das gut? Was ist das für ein Inhaltsstoff, was macht der? Brauche ich das wirklich? Warum ist das eigentlich so günstig (oder gar billig)?

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  8. Hi anitaswelt,
    da bist Du aber gar keines Falls alleine mit...ich empfinde es immer als ein gutes Zeichen diese plötzliche Verweigerung, zeigt es mir persönlich auch immer ein wenig Rückbesinnung auf die wirklichen Bedürfnisse...so wie die Kostprobe der Tüte bei Liaths Herzmann, der dann angewiedert war, weil frisch bzw. selbst gemacht doch so viel leckerer ist.
    Auf diese Art habe ich auch schon mich von so manchen "Möchtegern-Nahrungsmitteln" verabschiedet.

    Ist schon irre, durch welche Begebenheiten wir so UNSEREN Weg finden, find ich toll!

    Liebe Grüsse
    Silberweide

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  9. Au weia, immer wenn ich bei Dir hier so lese komme ich mir echt vor wie der allerletzte Ernährungs-Sünder ;-P Aber es ist wie Du sagst: Es macht Dich glücklich, wie Du Dich ernährst - also ist es gut so. Und wenn andere Leute eine andere Ernährungsweise glücklich und zufrieden macht, dann muss man das eben auch akzeptieren. Für mich wäre das jetzt so in der Form persönlich nichts, aber ich find´s toll dass Du so diszipliniert bist!

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    1. Ich glaube, mit Disziplin hat das lang nichts mehr zu tun, weil mir gesunde Nahrung inzwischen ja auch viel mehr schmeckt und gibt als nicht so ungesunde. Am Anfang war der Anreiz sicher ein anderer - gute Vorbilder (wunderschöne, jung aussehende, glückliche und tierschützende VeganerInnen zB) und schlechte Vorbilder (meine Eltern, die durch zu viel Fleisch- und Milchkonsum sehr viele echt üble Zivilisationskrankheiten abgegriffen haben beispielsweise).

      Das letztere macht es halt auch immer schwer, bei anderen Leuten (die man mag) einfach so hinzunehmen, wie sich ernähren, denn für mich ist das irgendwie so, als würde ich zugucken, wie jemand jeden Tag eine Prise Arsen nimmt. Aber klar, ich bin niemandes Vormund, ich kann es nicht ändern, so sehr ich mir die Leute auch gesund(heitsbewusst) wünsche. :)

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    2. Ich glaube jede Ernährungsform hat so ihre Vor- und Nachteile. Wobei ich eine vegetarische Ernährung auf Dauer durchaus anpeilen wollen würde, vegan jedoch ist für mich persönlich geradezu unvorstellbar ;o)

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  10. Das könnte von mir geschrieben sein!
    Wenn ich die Leute im Kaufhaus beobachte, die ohne irgendwelche Nährwerte oder Zutaten studieren ein Produkt in den Wagen legen, beneide ich sie gar nicht mehr. Natürlich war Einkaufen damals leichter, dafür macht mich mein Essen heute glücklicher und ich geniesse bewusster.
    Dass mitessende Omnivoren immer verschont bleiben, kann manchmal ziemlich schwierig sein. Dabei wäre Veganismus für jeden was - gerade wenn ich jemanden ein Joghurt essen sehe, würde ich ihn am liebsten über die gesundheitlichen Auswirkungen aufklären. Doch das will einfach niemand hören, dafür ist der Genuss zu gross. (Der sich ja eigentlich danach vergrössert!)
    Jaja die vertrackte Lage der Veganer :P

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